Die Geschichte der Essener Geldschrankfabrik

Aus Feuer geprüft – von einer Barmer Bauschlosserei des Jahres 1864 bis zum Sicherheitstechnik-Unternehmen der Gegenwart.

Gründung der EGF

Gründung der EGF

Im Jahr 1906 wird die Essener Geldschrankfabrik von den Brüdern Fritz und Karl Kellner geründet.

Mehrere Besitzerwechsel

Mehrere Besitzerwechsel

Breits 1926 wechselt der Besitzer der EGF zum ersten Mal. Adolf Limberg übernimmt. Allerdings nur für zehn Jahre. Im Jahr 1936 geht das Unternehmen an Leonhard Hilgers über.

Die Belegschaft 1937

Die Belegschaft 1937

Von Anfang an setzt die EGF auf ein gutes Miteinander der Mitarbeiter. Hier ein Bild der Belegschaft 1937.

Gute Ausbildung

Gute Ausbildung

Schon früh erkennt die Geschäftsleitung der EGF, dass eine gute Ausbildung die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit ist. So schickte die EGF ihre Schlosser zum Beispiel 1938 zur Schlosserschule in Roßwein in Sachsen.

Geschätzte Sicherheit

Geschätzte Sicherheit

Schon früh produziert die EGF auch für öffentliche Auftraggeber. Dieses Bild zeigt den Einbau bei der Steuerkasse Essen.

Gutes Miteinander

Gutes Miteinander

Seit jeher setzt die EGF auf ein gutes Miteinander der Mitarbeiter. Dazu gehören auch Betriebsausflüge. Hier ein Ausflug in ein Lokal in Ratingen Ende der 1930er Jahre.

Bode Panzer steigt ein

Bode Panzer steigt ein

Die Bode Panzer AG aus Hannover steigt im Jahr 1949 in die Essener Geldschrankfabrik ein.

Bode Panzer übernimmt die EGF

Bode Panzer übernimmt die EGF

Nachdem Tod von Leonhard Hilgers Ehefrau 1957 übernahm Bode Panzer alle Anteile an der EGF. Mit den bundesweiten Vertriebsnetz von Bode Panzer erreichen die Produkte der EGF nun auch die gesamte Bundesrepublik.

Wirtschaftsaufschwung der 50er und 60er Jahre

Wirtschaftsaufschwung der 50er und 60er Jahre

Der Aufschwung in der jungen Bundesrepublik kommt auch der EGF zu Gute. Hier bei der Hannover-Messe.

Geschätzte Mitarbeiter

Geschätzte Mitarbeiter

Viele Mitarbeiter arbeiten ihr Leben lang für die Essener Geldschrankfabrik. Dieses Bild zeigt das 40-jährige Betriebsjubiläum von Meister Kniep.

Walter Senger wird neuer Eigentümer

Walter Senger wird neuer Eigentümer

Die Bode Panzer AG verkauft das Unternehmen an Walter Senger.

Rainer Schleiting und Peter Krebs übernehmen die EGF

Zum Geleit

Die Geschichte eines Unternehmens, das seit über anderthalb Jahrhunderten Werte schützt, ist selbst ein Wert, der bewahrt sein will. Was auf den folgenden Seiten erzählt wird, reicht von einer kleinen Bauschlosserei im bergischen Barmen des Jahres 1864 bis in die Gegenwart eines Essener Traditionsbetriebs, der heute Tresore, Wertschutzschränke und ganze Tresorräume nach modernsten Normen fertigt. Zwischen diesen beiden Punkten liegen mehrere Generationen von Handwerkern und Unternehmern, zwei Weltkriege, der Untergang und Wiederaufbau ganzer Städte und ein steter Wandel der Technik — und doch eine bemerkenswerte Kontinuität: die des Handwerks, das schwere Stahltüren, gehärtete Panzerungen und ausgeklügelte Schlösser baut, damit anderen ihr Eigentum erhalten bleibt.

Diese Chronik folgt dieser langen Linie und macht dabei etwas sichtbar, was lange im Halbdunkel lag: dass die 1906 in Essen gegründete Geldschrankfabrik keine voraussetzungslose Neugründung war, sondern als zweite Fabrik eines bereits 1864 bestehenden Unternehmens entstand. Barmen und Essen, das Bergische Land und das Ruhrgebiet, gehören in dieser Geschichte zusammen.

I. Barmen, 1864 — Ein Meister macht sich selbständig

Als sich Gustav Kellner im Herbst des Jahres 1864 in Barmen selbständig machte, kam er in eine Stadt, die zu den pulsierendsten Industrieorten Deutschlands zählte. Barmen und das benachbarte Elberfeld, die erst 1929 zur Stadt Wuppertal vereinigt werden sollten, bildeten im 19. Jahrhundert ein Zentrum der Textilindustrie von europäischem Rang. Bandweberei, Färberei und Bleicherei hatten das enge Tal der Wupper zu einem dicht bebauten, rauchgesättigten Gewerberaum gemacht, in dem sich Fabrikschornsteine, Werkstätten und Handwerksbetriebe drängten. Wo Waren gefertigt, verkauft und Geld verdient wurde, wuchs auch das Bedürfnis, dieses Geld sicher zu verwahren.

Gustav Kellner stammte aus Magdeburg. Dort hatte er das Handwerk des Bauschlossers erlernt und anschließend als Geselle und Meister in einer Werkstatt gearbeitet, die sich bereits auf die Herstellung von Geldschränken verstand. Mit dieser Spezialkenntnis kam er in das bergische Barmen. Am 24. Oktober 1864 gründete er in der Oberdörnerstraße seine eigene Bauschlosserei, in der von Anfang an vornehmlich Geldschränke entstanden.

Das Datum ist gut bezeugt. Noch eine Barmer Festschrift aus dem Jahr 1908 — also zu Lebzeiten der nächsten Generation — hält ausdrücklich fest, dass die Firma 1864 vom Vater der damaligen Inhaber, von Gustav Kellner, gegründet worden sei. Aus diesem einen Meister und seiner kleinen Werkstatt sollte über die Jahrzehnte ein Unternehmen erwachsen, dessen Name über das Bergische Land hinaus für soliden, feuersicheren Stahlbau stand.

II. Von der Werkstatt zur Fabrik — Die Söhne treten ein

In den folgenden zwei Jahrzehnten wuchs der Betrieb aus den Verhältnissen einer Handwerksstube heraus. Die Adressgeschichte des jungen Unternehmens liest sich wie eine Chronik dieses Wachstums: Von der Oberdörnerstraße zog Kellner an die Kaiserbrücke, weiter an die Mittelstraße und schließlich an die großzügige Barmer Talachse, die Allee. Eine zeitgenössische Anzeige aus dem Dezember 1883 zeigt Gustav Kellner persönlich bei einer Geschäftsverlegung an die Kaiserbrücke — und bezeichnet den Betrieb bereits ausdrücklich als „Geldschrank-Fabrik". Aus der Bauschlosserei war eine Fabrik geworden.

Ende der 1880er Jahre traten Gustav Kellners Söhne Fritz und Karl in das Unternehmen ein und führten es fortan unter dem Namen „Gust. Kellner Söhne". Eine Anzeige vom November 1888 wirbt bereits unter diesem Firmennamen und mit einem selbstbewussten Schlagwort der Zeit: dem „Panzer-Geldschrank". Der Begriff war Programm. Die Branche befand sich in einem technischen Wettlauf, in dem es darum ging, den Einbruchswerkzeugen und der Feuersbrunst immer widerstandsfähigere Konstruktionen entgegenzusetzen — mehrlagige Stahlwände, gehärtete Panzerungen, ausgeklügelte Riegelwerke. Wer im Geldschrankbau bestehen wollte, musste beweisen, dass seine Erzeugnisse hielten, was der Name versprach.

Die Brüder Kellner traten diesen Beweis an. Eine Anzeige vom Sommer 1897 wirbt für die Barmer Geldschrankfabrik an der Alleestraße ausdrücklich mit der Bewährung der Erzeugnisse in „Feuerproben" — jenen öffentlichen Härtetests, in denen Schränke im Feuer standen und danach unversehrter Inhalt vorgezeigt wurde. Im selben Jahr 1897 starb Gustav Kellner, der Gründer. Seine Söhne Fritz und Karl führten das Werk gemeinsam weiter.

Der Aufstieg gipfelte in einer öffentlichen Anerkennung von hohem Rang. 1902 präsentierte sich Gust. Kellner Söhne auf der großen Industrie- und Gewerbeausstellung in Düsseldorf mit einem eigenen Stand voller Geldschränke und Tresorerzeugnisse — ein erhaltenes Foto hält diesen Auftritt fest. Im selben Jahr wurde das Kellner-Fabrikat mit der preußischen Staatsmedaille ausgezeichnet. Zu den ständigen Abnehmern zählten nun die Reichsbank, die Behörden von Eisenbahn, Post, Zoll und Justiz, große Privatbanken und Industrieunternehmen. Die Barmer Fabrik an der Allee 220 durfte sich mit gutem Recht „Lieferant der Reichsbank" nennen — ein Prädikat, das im Deutschen Reich für höchste Zuverlässigkeit im Sicherheitsbau bürgte.

III. Essen, 1906 — Die zweite Fabrik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts richtete das Barmer Unternehmen den Blick nach Norden, in das Ruhrgebiet. Essen war um 1906 eine der am schnellsten wachsenden Industriestädte Deutschlands, geprägt von Kohle und Stahl und überragt von der gewaltigen Gussstahlfabrik der Familie Krupp, die aus einer verschuldeten Kleinwerkstatt binnen weniger Jahrzehnte zum größten Stahlwerk der Welt geworden war. Durch Eingemeindungen wuchs die Stadt beständig, ihr Eisenbahnnetz gehörte zu den dichtesten der Region. Wo Industrie, Handel und Banken in solchem Tempo expandierten, war der Bedarf an sicheren Verwahrmöglichkeiten enorm — ein natürlicher Markt für einen Geldschrankbauer.

Die entscheidende Quelle für das Verhältnis zwischen Barmen und Essen ist jene Barmer Festschrift von 1908. Sie hält ausdrücklich fest, dass Gust. Kellner Söhne „seit dem Jahre 1906 auch noch eine zweite Geldschrankfabrik in Essen errichtet" habe. Damit lässt sich die Entstehung der Essener Geldschrankfabrik heute klarer fassen, als es lange Zeit möglich war:

Die 1906 gegründete Essener Geldschrankfabrik entstand als zweite Fabrik des seit 1864 bestehenden Barmer Unternehmens Gust. Kellner Söhne.

Zugleich war die Essener Gründung gesellschaftsrechtlich eigenständig. Sie firmierte als „Essener Geldschrankfabrik Gustav Kellner Söhne G.m.b.H." und nahm ihren Sitz in der Wörthstraße. Bereits im Februar 1906 war die Gesellschaft im Handelsregister greifbar; eine zeitgenössische Meldung nennt alle vier Geschäftsführer: die beiden Fabrikanten Fritz und Carl Kellner aus Barmen, den Kaufmann Paul Brenger aus Barmen und den Kunstschlosser Adolf Limberg, damals noch in Barmen ansässig, „demnächst in Essen". Im August 1906 warb die junge Essener Gesellschaft bereits öffentlich mit Anzeigen im Essener General-Anzeiger, wenige Tage bevor der selbständige Gewerbebetrieb Ende August förmlich angemeldet wurde.

In dieser Konstellation liegt der eigentliche Ursprung des heutigen Unternehmens. Die beiden Kellner-Brüder brachten die Erfahrung, den Namen und den guten Ruf des Barmer Stammhauses ein; Paul Brenger die kaufmännische Führung; und mit Adolf Limberg trat ein Mann in die Gründungsmannschaft ein, der das Essener Werk über Jahrzehnte prägen und schließlich in seinen Besitz übernehmen sollte. Limberg war kein Branchenfremder: Schon um die Jahrhundertwende ist er in Barmen als Schlosser und ausdrücklich als „Geldschrankschlosser" nachweisbar. Das spezialisierte Handwerk des Tresorbaus war ihm in die Hände gelegt.

IV. Die frühen Essener Jahre

Das junge Essener Werk fand rasch festen Boden. Ein Firmenverzeichnis von 1909 nennt für die Essener Geldschrankfabrik dieselbe Führungsmannschaft, die sie gegründet hatte — die Fabrikanten Fritz und Karl Kellner sowie Kaufmann Paul Brenger, alle weiterhin eng mit Barmen verbunden, und Adolf Limberg, der inzwischen den Schritt vollzogen und sich als Kunstschlosser in Essen niedergelassen hatte. So blieb das Essener Werk in seinen ersten Jahren Teil einer gemeinsamen Kellner-Tradition beider Städte, und doch trug es hier vor Ort ein eigenes Gesicht.

Wie der Betrieb arbeitete, zeigt ein erhaltenes Commissions-Buch, das mit einer Bestellung aus dem Mai 1912 überliefert ist. Sorgfältig verzeichnete man darin Bestell- und Lieferdaten, Kunden, Orte, Gegenstände und Preise, und immer wieder finden sich technische Skizzen zwischen den Einträgen — das Gedächtnis einer Werkstatt, in der jeder Schrank ein einzeln durchdachtes Stück Sicherheitstechnik war.

Auch das Essener Werk suchte und fand öffentliche Anerkennung. Im September 1913 wurde die Essener Geldschrankfabrik in der Wörthstraße auf einer Gewerbeschau mit einer Goldenen Medaille ausgezeichnet — ein früher, eigenständiger Erfolg der Essener Gesellschaft, der nicht mit den älteren Staatsmedaillen des Barmer Stammhauses zu verwechseln ist. Die junge Fabrik hatte sich binnen weniger Jahre einen eigenen Namen erarbeitet.

Der Erste Weltkrieg legte sich über diese Aufbaujahre. Aus der Kriegszeit ist Adolf Limberg 1917 persönlich an der Wörthstraße 27 nachweisbar — jener Adresse, die für die kommenden Jahrzehnte das feste Zuhause des Unternehmens bleiben sollte.

V. Der Übergang auf Adolf Limberg

Die Jahre um den Ersten Weltkrieg und die frühen 1920er Jahre zeigen ein Werk, das trotz aller Zeitläufte an seinem Handwerk festhielt. Ein originales Arbeitszeugnis belegt den Geldschrankschlosser Josef Stix, der seit 1920 an der Wörthstraße 27 in der Facharbeit tätig war und das Unternehmen erst verließ, weil er in seine Heimat zurückkehrte. Solche Zeugnisse machen die Menschen sichtbar, die hinter dem handwerklichen Tresorbau standen — Facharbeiter, deren Können den Ruf der Erzeugnisse trug.

In der Mitte der 1920er Jahre vollzog sich der große Wandel in den Eigentumsverhältnissen. Die drei bisherigen Geschäftsführer aus Barmen — Fritz Kellner, Carl Kellner und Paul Brenger — schieden 1925 aus der Führung der Essener Gesellschaft aus. An ihre Stelle trat Adolf Limberg, der Mann der ersten Stunde, der das Werk nun in seine Verantwortung und in seinen Besitz übernahm. Aus dem Gründungsschlosser war der Fabrikant geworden. Ein Essener Geschäftsbogen jener Jahre führt gleichwohl noch beide Wurzeln stolz zusammen: Er wirbt mit „Fabriken in Essen und Barmen", nennt das Unternehmen „Lieferant der Reichsbank" und datiert die Gründung selbstbewusst auf das Jahr 1864.

Während das Essener Werk so in neue Hände überging, endete in Barmen die Generation der Gründersöhne. Im November 1927 starb Carl Kellner im Alter von sechzig Jahren; sein Bruder Fritz wurde daraufhin alleiniger Inhaber des Barmer Stammhauses. Als auch Fritz Kellner im Sommer 1931 fünfundsechzigjährig starb, ging die Inhaberschaft des Barmer Unternehmens auf seine Witwe Emmi Kellner, geborene Flöter, über. Die Familie Kellner blieb dem Barmer Stammhaus damit erhalten, während sich die Essener Linie unter Limberg eigenständig weiterentwickelte.

VI. Die Ära Hilgers

Im Jahr 1936 wechselte die Essener Geldschrankfabrik erneut den Eigentümer: Sie ging an Leonhard Hilgers über. Unter seiner Führung begann eine Phase der Modernisierung. Neue Maschinen und ein eigenes Kraftfahrzeug erleichterten Fertigung und Transport — und das war mehr als eine Bequemlichkeit, denn die schweren Panzerschränke und Tresortüren, die das Werk baute, konnten bis zu sechstausend Kilogramm wiegen. Solche Kolosse zu fertigen und zu bewegen, verlangte nach zeitgemäßer Technik.

In diese Jahre fällt ein besonders schönes Zeugnis für die Vielseitigkeit des Essener Handwerks. Zur Einweihung der neuen St.-Engelbert-Kirche in Essen warb das Unternehmen 1936 mit den dort ausgeführten Arbeiten: einem Stahltabernakel, einer Sakristei-Panzertür und Opferstöcken. Dabei berief man sich auf eine lange Tradition — „seit 1864 Fabrikation kirchlicher Wertgelasse". Der Tresorbauer aus der Wörthstraße war zugleich ein Lieferant sakraler Sicherheitstechnik, der Kelche, Monstranzen und Kirchengut ebenso zu schützen wusste wie das Bargeld der Banken. Es ist eine Tradition, die sich über Jahrzehnte hielt: Noch in den 1970er Jahren fertigte das Werk Stahlpanzerungen für einen Tabernakel.

Die Ära Hilgers ist zugleich die Zeit, aus der die menschliche Seite des Betriebs am dichtesten überliefert ist. Fotografien halten einen Betriebsausflug des Jahres 1936 fest, ein Gruppenbild dokumentiert die Belegschaft von 1937. Und 1938 zeigt sich der Bildungsanspruch des Hauses: In jenem Jahr wurden Schlosser zur bekannten Schlosserschule im sächsischen Roßwein entsandt, um ihr Handwerk zu vervollkommnen. Die Sorge um das Können der Mitarbeiter und um ein gutes Miteinander im Betrieb gehört seit jeher zum Selbstverständnis des Unternehmens.

VII. Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau

Der Zweite Weltkrieg traf die beiden Städte, in denen die Geschichte des Unternehmens verwurzelt war, mit voller Wucht. In der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 1943 flog die britische Luftwaffe im Rahmen der „Luftschlacht an der Ruhr" einen Großangriff auf Barmen. Über siebenhundert Flugzeuge warfen ihre Last auf das enge Tal; ein Feuersturm entstand, rund achtzig Prozent der bebauten Fläche brannten nieder, fünf der sechs größten Fabriken und Hunderte gewerbliche Anlagen wurden vernichtet, Tausende Menschen kamen ums Leben. In dieser Nacht ging auch das Barmer Stammhaus Gust. Kellner Söhne unter: Durch Totalschaden wurden am 30. Mai 1943 alle Werte des Barmer Unternehmens vernichtet. Auch das Essener Werk litt unter den Zerstörungen der Kriegszeit, wie sie über das gesamte Ruhrgebiet hereinbrachen.

Und doch begann nach 1945 in beiden Städten der Wiederaufbau. In Wuppertal wie in Essen nahm man die Fertigung unter schwierigsten Bedingungen wieder auf. Was in Trümmern lag, wurde geräumt, Werkstätten wurden neu eingerichtet, und das alte Handwerk fand zurück in eine neue Zeit. Für das Essener Werk sollte gerade dieser Wiederaufbau der Beginn eines neuen, schwungvollen Aufstiegs werden.

VIII. Bode Panzer — Anschluss an eine große Tradition

Den entscheidenden Impuls dieses Aufstiegs gab eine Verbindung, die 1949 begann: Die Bode Panzer AG aus Hannover beteiligte sich an der Essener Geldschrankfabrik. Damit trat die EGF in den Verbund eines der traditionsreichsten Namen der deutschen Sicherheitsbranche ein. Bodes Wurzeln reichten bis 1858 zurück, als in Hannover mit „Bode & Troue" die erste deutsche Spezialfabrik für den Bau von Panzerschränken und feuer- und einbruchsicheren Stahlkammern entstanden war; 1924 hatte sich dieses Haus mit der Berliner Panzer-Aktiengesellschaft zusammengeschlossen, die um die Jahrhundertwende unter anderem die Tresoranlage des Berliner Münzkabinetts gebaut hatte. Für die Essener Fabrik bedeutete die Beteiligung mitten in der Wiederaufbauphase den Zugang zu einem weit größeren Vertriebs- und Bankennetz, als es aus eigener Kraft je erreichbar gewesen wäre.

Aus der Beteiligung wurde 1957 die vollständige Übernahme: Nach dem Tod der Ehefrau Leonhard Hilgers' erwarb Bode Panzer die restlichen Anteile, und die Essener Gesellschaft wurde ganz Teil der Bode-Panzer-Gruppe. Für rund drei Jahrzehnte gehörte die EGF damit zu einem bundesweit tätigen Konzern der Sicherheitstechnik — und behielt zugleich ihren eigenen Namen, ihren Standort in der Wörthstraße und ihr besonderes handwerkliches Profil.

IX. Das Barmer Stammhaus — ein langes Nachleben

Während das Essener Werk seinen Weg in die Bode-Panzer-Gruppe fand, bestand das Barmer, nun Wuppertaler Stammhaus noch über Jahrzehnte fort. Emmi Kellner, die Witwe des Firmengründersohns Fritz, führte es durch die Nachkriegszeit. 1960 nahm sie ihren Neffen August Flöter als Mitinhaber auf, der bereits den Grundstein für einen Neubau im Wuppertaler Industriegebiet Langerfeld gelegt hatte — doch Flöter starb schon Anfang 1961, noch vor dem Umzug. Im Juli desselben Jahres starb Emmi Kellner dreiundneunzigjährig, und mit ihr endete die Familienära der Kellner im Stammhaus.

Das Unternehmen ging nun an drei langjährige leitende Mitarbeiter über, die es aus der Erbengemeinschaft erwarben — unter ihnen Franz Walter senior, der zu diesem Zeitpunkt bereits über ein halbes Jahrhundert für Kellner tätig gewesen sein soll, also ungefähr seit der Zeit der Essener Gründung. Zum Jahresbeginn 1963 zog das Wuppertaler Werk in großzügige, erweiterungsfähige neue Räume im Industriegebiet Langerfeld. Als „Gust. Kellner Söhne" bestand das Haus dort weiter fort; 1991 wurde es aus einer offenen Handelsgesellschaft in eine GmbH umgewandelt. So lebte der Barmer Ursprung, aus dem einst auch die Essener Fabrik hervorgegangen war, in Wuppertal noch bis in die jüngste Vergangenheit hinein.

X. Neue Eigentümer in Essen — Walter Senger und das Haus in der Wörthstraße

In Essen bereitete sich unterdessen der nächste große Wandel vor. Als Bode Panzer die Essener Geldschrankfabrik aus der Gruppe herauslösen wollte, fand sich mit Walter Senger ein Nachfolger, der das Unternehmen nicht als branchenfremder Käufer, sondern aus dem eigenen Umfeld heraus übernahm: Senger war zuvor bei Bode Panzer in Hannover tätig gewesen. Spätestens Mitte der 1980er Jahre hatte er die Essener Gesellschaft übernommen und führte sie als eigenständiges, inhabergeprägtes Unternehmen weiter.

Diese Jahre waren nicht nur eine Zeit des Eigentümerwechsels, sondern auch der technischen Erfindungsfreude. Der Betriebsleiter und Prokurist Klaus Lietz meldete 1985 für die Essener Geldschrankfabrik ein eigenes Patent an — den „Panzer-Geldschrank" (DE 35 29 336). Die Konstruktion integrierte ein Kassettendepot in die Tresortür und trennte das Einlegen und das Entnehmen des Guts über verschiedene Öffnungen und unterschiedliche Zugriffsrechte. Es war damit weit mehr als eine bloße Panzerungsverbesserung: eine frühe, durchdachte Lösung für sichere Übergabeprozesse von Geldkassetten, wie sie der moderne Bargeldverkehr verlangte. 1987 wurde das Patent erteilt.

Ein Blick zurück in das Jahr 1981 zeigt, welchen Rang das Essener Haus in dieser Zeit hatte. Zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen — gerechnet ab der Gründung von 1906 — gratulierten die Industrie- und Handelskammer und der Verband des Maschinenbaus, und die Muttergesellschaft Bode Panzer bezeichnete die Essener Geldschrankfabrik ausdrücklich als Teil ihrer Gruppe. Produktion und Verwaltung lagen in der Wörthstraße 27, Ausstellung und Verkauf in der Freytagstraße. Das Werk stand da als ein Haus mit Geschichte, festem Standort und einem klaren Selbstbewusstsein.

XI. 2005 bis heute — Tradition und moderne Sicherheitsnormen

Im Jahr 2005 erhielt das Unternehmen die Rechtsform, in der es bis heute besteht: die Essener Geldschrankfabrik GmbH & Co. KG, geführt über eine eigene Verwaltungs-GmbH als Komplementärin. Mit Rainer Schleiting und Peter Krebs begann damit eine neue inhabergeprägte Phase. Der historische Bestand des Unternehmens — bis hin zu den alten Auftragsbüchern und historischen Tresoren — blieb dabei erhalten und fand sogar den Weg in die Wirtschaftspresse, ein sichtbares Zeichen dafür, dass man die eigene Herkunft nicht als Ballast, sondern als Kapital verstand.

Zugleich entwickelte sich die EGF technisch weiter, vom klassischen Geldschrankbauer zum umfassenden Anbieter von Sicherheitslösungen: Wertschutzschränke, Tresorräume, Kundenmietfachanlagen, elektronische Zutrittssysteme, Sonderanfertigungen und Service gehören heute zum Programm. Der Kundenkreis reicht von Banken und Sparkassen über die Edelmetall- und Handelsbranche bis zur pharmazeutischen Industrie.

Maßstab dieser Arbeit sind die europäischen Sicherheitsnormen. Die Norm EN 1143-1 regelt die Widerstandsgrade von Wertschutzschränken und Tresoren — geprüft und zertifiziert durch unabhängige Stellen wie ECB·S und VdS, die den Herstellern nichts durchgehen lassen: Jeder Widerstandsgrad muss im Angriffstest tatsächlich erreicht werden. In dieser strengen Prüfkultur ist die EGF ganz in ihrem Element, denn sie steht genau dort, wo sie immer stand — an der vordersten Linie dessen, was Sicherheitstechnik zu leisten vermag. Wo einst die Feuerprobe die Bewährung eines Schranks öffentlich vorführte, tut es heute das zertifizierte Prüfsiegel.

Auf den großen Fachmessen der Branche, der Security in Essen, präsentiert das Unternehmen seine Tresorräume, Mietfachanlagen und Sicherheitslösungen einem internationalen Publikum. Aus dem Handwerksbetrieb des 19. Jahrhunderts ist ein spezialisiertes mittelständisches Sicherheitsunternehmen der Gegenwart geworden.

XII. Der Generationswechsel — Die Zukunft in der Wörthstraße

Seit Januar 2026 steht die Essener Geldschrankfabrik unter einer neuen Führungsgeneration. Neben Peter Krebs, der dem Unternehmen als langjähriger Geschäftsführer verbunden bleibt, sind Niels Deuter und Marco Schleiting in die Geschäftsführung eingetreten; Rainer Schleiting schied aus. Bereits 2024 waren die beiden als kommende Führungsgeneration vorgestellt worden — ein sorgsam vorbereiteter Übergang, wie er zu einem Haus passt, das Kontinuität immer höher geschätzt hat als den lauten Umbruch.

Damit setzt sich die Geschichte, die 1864 mit einer Bauschlosserei in Barmen begann und 1906 in Essen ihre zweite Wurzel schlug, an ihrem angestammten Ort fort — in der Wörthstraße, dort, wo seit über hundert Jahren Stahl gehärtet, Türen gepanzert und Schlösser ersonnen werden. Die Namen und die Zeiten haben gewechselt, die Technik hat sich von der handgefertigten Feuerprobe bis zur zertifizierten Hochsicherheitsanlage gewandelt. Geblieben ist die eine Aufgabe, um die sich in diesem Unternehmen seit Generationen alles dreht: anderen ihre Werte zu bewahren.

Diese Chronik beruht auf zeitgenössischen Zeitungsanzeigen und Handelsregistermeldungen, erhaltenen Firmendokumenten, Jubiläumsschriften der Jahre 1908, 1964, 1981 und 1989 sowie auf einer systematischen Auswertung historischer Quellen. Wo sich Überlieferungen widersprachen, folgt die Darstellung dem am besten belegten Stand; einzelne Detailfragen der frühen Firmengeschichte bleiben Gegenstand fortlaufender Forschung.